jip. so isses:
>>Unter Gespenstern
Gesichter durchstreichen: Mit 16 durch den deutschen Herbst
Und wieder einer durchgestrichen, mit Kugelschreiber oder Filzstift ein Kreuz durchs Gesicht, von links oben nach rechts unten und dann von rechts oben nach links unten, und der Terrorist war ausgelöscht.
Das war Deutschland 1977: In jeder Bäckerei, in jedem Metzgerladen, in jeder Filiale der Post, der Banken und Sparkassen hing der Gruppensteckbrief mit den Fotos und Namen der RAF-Leute, und wenn die staatlichen Sicherheitsorgane einen zur Strecke gebracht hatten, dann konnten die guten Deutschen das mit dem Stift noch einmal selber tun: einen wegmachen, durchstreichen, und ab dafür.
Das war schockierender als das Schießen und Morden selbst: diese Genugtuung der Mitläufer, daß es wieder einen erwischt hatte, zum Ausdruck gebracht im Durchstreichen eines Gesichts. Daß ich den Landsleuten nicht trauen konnte beziehungsweise ihnen eben alles zutrauen mußte, hatte ich im Geschichtsunterricht gelernt. Die Praxis zeigte: Die Deutschen hatten sich nicht geändert. Die wollten immer noch ausmerzen. Mit dem Kugelschreiber – und dann hinterher beteuern, daß man doch gar nichts getan habe. Ein Volk von Eichmännern. So lernte ich sie kennen, die Deutschen, im Jahr 1977.
Kopf ab!
30 Jahre später erlebt Deutschland eine Gespensterdiskussion. Ausgelöst durch die Frage, ob inhaftierte RAF-Mitglieder, verurteilt wegen Mordes, nach Verbüßung ihrer Strafe begnadigt oder entlassen werden dürfen, erhebt sich bei Christiansen oder in anderen zuverlässigen Höllen der Gratismoral und Propaganda ein Geschrei von »Kopf ab!« und Gnadenferne, das einen weiteren Degenerationsprozeß der Deutschen dokumentiert. Was sie Zivilgesellschaft nennen, ist ungebremste Brutalität. Von den Motiven der Leute, die als Mitglieder der Bewegung 2. Juni oder der RAF militant einen Staat bekämpften, den sie als NS-Nachfolgeunternehmen analysierten, ist nicht mehr die Rede. An dem Tag, als Kurt Georg Kiesinger, ehemaliger Referent bei Joseph Goebbels, deutscher Bundeskanzler wurde, hatte nicht nur Ulrike Meinhof das Treiben der sauber entnazifizierten Nazideutschen satt.
Bommi Baumann, Mitglied der Bewegung 2. Juni, die sich nach dem Todestag des vom Polizisten Kurras am 2. Juni 1967 in Berlin erschossenen Studenten Benno Ohnesorg nannte, hat es in seinem zweiten Buch »Hi Ho« 1979 so beschrieben: »Es ging uns damals, da hat Ulrike Meinhof uns allen aus der Seele gesprochen, um Antifaschismus. Keiner will das begreifen, keiner spricht das aus. … Du kommst in Deutschland irgendwann an den Punkt, wo du über die Vergangenheit nachdenken mußt. Und wenn du begreifst, daß genau die, die dir sagen, wie du leben sollst, für die Greuel von damals verantwortlich sind oder ihren Blick abgewendet haben und nichts wissen wollten. Dann war das für uns der Punkt. Ich bin in dem Bewußtsein groß geworden: Ich hasse diese ganze Generation. Die Geschichte spricht sie nicht frei. … Wenn ich heute diese Sprüche höre, wie: Die 68er-Generation, die sind schlimmer als die Nazis – da kommt’s mir nochmal hoch. … Der bayerische Rechnungshof schreibt der Witwe von Herrn Freisler, daß sie selbstverständlich doppelte Rente bekäme, weil Herr Freisler ja auch in der Bundesrepublik Beamter geworden wäre.«
Davon ist in der Terrorismus-Begnadigungsdebatte 2007 kein Wort zu hören: daß, so mörderisch verrannt und falsch der »Bewaffneter Kampf« genannte Sturm im Wasserglas auch gewesen sein mag, es veritable Gründe gab, den deutschen Staat und seine Repräsentanten zu hassen und zu bekämpfen.
In den Osterferien 1977, ich war noch nicht 16, machte ich ein Schülerpraktikum bei einer Bank – meine Eltern hatten das für eine Idee gehalten. Täglich fuhr ich mit dem Mofa zur Arbeit und bewies dabei meine kriminelle Energie: Das führerscheinfrei fahrbare Mofa hatte ich, wie das damals hieß, »spitzgemacht«; mein Gefährt schaffte etwa die doppelte Geschwindigkeit der erlaubten 25 km/h. In der Bankfiliale wurde ich von einer älteren Dame betreut, die Zeugin Jehovas war und tatsächlich Frau Göttlicher hieß. Eines Mittags stürzte der Filialleiter in die Kantine. Er war außer sich und berichtete von der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Dann verlangte er, daß alle zu einer Gedenkminute aufstehen sollten. Es war vollendet absurd – aber wie die Deutschen so sind, sprangen gleich alle auf. Frau Göttlicher blieb sitzen; diese weltlichen Dinge gingen sie nichts an, sagte sie, und auch ich müsse nicht aufstehen, wenn ich nicht wolle.
Zwar hatte sie mir zur Erbauung ein Buch mit dem Titel »Mache deine Jugend zu einem Erfolg« geschenkt, in dem sehr dramatisch und unfreiwillig hochkomisch vor den Gefahren der Sexualität und der Selbstbefleckung gewarnt wurde, sie hatte auch eine schwere religiöse Schacke, aber Mut hatte sie. Alle starrten sie an. Sie blieb sitzen, nicht demonstrativ, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht zu erschüttern war. Ich blieb ebenfalls hocken. Weshalb hätte ich aufstehen sollen? Die als »Terroristen« Gesuchten erschienen mir als Robin Hoods. Sie jagten den Nazinachfolgern wenigstens Angst ein. So kam es mir mit 15 vor, mehr mußte ich damals nicht wissen.
Keine Trauer
Auch die Ermordung Hanns-Martin Schleyers löste bei mir keine Trauer aus. Schleyer war ranghoher NS-Wirtschaftsfunktionär und SS-Offizier gewesen, er hatte die Arisierung der tschechoslowakischen Wirtschaft betrieben, die Schmisse in seinem Gesicht kündeten von seiner studentischen Verbindungsschlägervergangenheit, und wenn es eine Person gab, in der die Kontinuität einer Nazikarriere in der Bundesrepublik sinnbildlich und beispielhaft war, dann war es Hanns-Martin Schleyer.
Auf Schleyers Ermordung folgte, was man den »Deutschen Herbst« nennt. Es war eine kollektive Finsternis. Sämtliche westdeutsche Medien beeilten sich, bei der »Nachrichtensperre« genannten Gleichschaltung freiwillig mit dabei zu sein. Es war der Initialpunkt für die Gründung der taz, der man das heute allerdings nicht mehr anmerkt. Allenfalls marginal unterscheidet sich das Blatt von den Gespenstermedien des Landes.
Humorlose Desparados
30 Jahre nach dem »Deutschen Herbst« ist alles in der landesüblichen Geschichts- und Bewußtlosigkeit versackt: die Hysterie, die Mordgelüste, das Durchstreichen von Gesichtern. Die Leute von der Bewegung 2. Juni und der RAF waren keine Robin Hoods – sie waren im Wortsinn Desperados, Verzweifelte. Das Umbringen anderer ist kein geeignetes Mittel zur Verbesserung der Welt – es hat so etwas Humorloses, und es dokumentiert das deprimierende Aufgeben aller Versuche, mit intelligenten Waffen weiterzukommen. Ich bin kein Mörder. Das macht mich nicht zu einem besseren Menschen, allerdings zu einem anderen.
An der kitschigen, verlogenen Erinnerungsfolklore, die um Siegfried Buback und Hanns-Martin Schleyer betrieben wird, möchte ich mich nicht beteiligen. Nach Schleyer ist in Stuttgart eine Mehrzweckhalle benannt worden, die architektonisch dem Hochsicherheitsgefängnis in Stuttgart-Stammheim ähnelt. So gesehen sind die Täter und die Opfer, die ihrerseits Täter waren, doch noch zusammengelegt worden.<<