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Hannes Stein: korrigiert & redigiert

April 20, 2008

Selbstverständlich sind Journalisten nicht davor gefeit, Unsinn zu schreiben. Zumal, wenn Ihnen beim Schreiben offensichtlich das Hörnchen steht, vergessen sie schnell und gern den Friedrich’schen Merksatz “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Deshalb hier die redigierte, vom Kopf auf die Füße gestellte Fassung des Stein’schen Essays “Eine unmögliche Frau” aus der “WELT” vom 15.04.2008:

Ann Coulter ist polemisch geschmacklos und sexy anorektisch , wertkonservativ reaktionär und radikal brutal, ein Albtraum für Linksliberale, Juden und Muslime jeden halbwegs gebildeten Menschen. Und gerade deshalb ist die amerikanische Kolumnistin so erfolgreich bei John und Jane Doe im Biblebelt, kurz: in der Amerikanischen Unterschicht, die den Baseballschläger für ein überzeugendes Argument hält.

Ann Coulter ist unmöglich. Keine Frage. Nehmen wir nur ihre Reaktion auf das Massaker vom 11. September in Manhattan: Es gebe jetzt nur eine angemessene Reaktion, schrieb sie damals in einer Zeitungskolumne. Man müsse in die Länder der Muslime einfallen, sie zum Christentum bekehren und ihre Führer töten. Oder nehmen wir ihre Verteidigung des Kommunistenjägers McCarthy: Hartnäckig nennt sie ihn einen amerikanischen Patrioten. Linksliberale dagegen sind in ihren Augen samt und sonders “Verräter”, vaterlandslose Gesellen. Die “New York Times”, das Zentralorgan der Linksliberalen in Manhattan, (Ist das ein Zitat oder keins?) sähe sie am liebsten in die Luft gesprengt. Wenn man ihre Kolumnen liest - oder die Bücher, die sie in unregelmäßigen Abständen aus diesen Kolumnen zusammensetztpfuscht -, gewinnt man den Eindruck, dass sie es darauf anlegt, möglichst viele Leute gleichzeitig zu beleidigen. Neulich hat sie sich auch noch mit den Juden angelegt, als sie sagte, das Christentum sei der schnellere Weg zur Erlösung als die umständliche jüdische Methode.

Das einzig Schlechte, was man Ann Coulter keineswegs nachsagen kann: Sie gehört nicht zu den “neocons”, den verfemten amerikanischen Neokonservativen - die ja im Grunde (und wenn man genauer hinschaut) innenpolitisch eher Sozialdemokraten versagen und außenpolitisch aber kämpferische Liberale totale Vollpfosten sind. No, Sir: Ann Coulter ist einfach nur konservativ primitiv und reaktionär. Punkt. Sie glaubt an Jesus Christus und die Segnungen des ungebremsten Kapitalismus. Sie ist gegen Abtreibung und Euthanasie. Ach ja, die Evolutionstheorie hält sie auch für erwiesenen Unfug, stattdessen verteidigt sie die These vom “intelligent design”. Et cetera ad nauseam.

1961 in New York geboren, gilt die Kolumnistin inzwischen als eine der einflussreichsten politischen Kommentatorinnen der Vereinigten Staaten. Vielleicht gerade weil sie sich gerne selbst als Polemikerin bezeichnet. Was nicht gerade für die politische Kultur dieses Landes spricht. Ann Coulter ist oft als “Michael Moore der amerikanischen Rechten” beschrieben worden, wahrscheinlich deshalb, weil sie ungeheuer witzig sein kann genauso geldgeil ist wie er. Allerdings unterscheidet sie sich von Michael Moore in dreifacher Hinsicht. Erstens: Ann Coulter ist nicht unrasiert hat Haare auf den Zähnen statt in ihrem Pferdegesicht, hat kein Doppelkinn und keinen Bierschwabbelbauch und taugt bestenfalls zum Vorbild aller bulimischen Vorstadtgören jenseits der 40. Um die Wahrheit zu sagen: Sie sieht mit ihren 46 Jahren schlicht umwerfend widerlich aus, jedenfalls wenn man auf elfenhafte Blondinen mit Gazellenbeinen steht wenn man nicht auf umherstaksende Skelette steht. Zweitens. Im Unterschied zu dem linken Filmemacher, der lediglich eine abgeschlossene Ausbildung in höherem Krawall nachweisen kann, war Ann Coulter schon etwas, bevor sie berühmt wurde: eine ziemlich gute Anwältin eine Rechtsassistentin des Sonderermittlers Starr im Impeachmentverfahren gegen Clinton. Das liegt bei ihr in der Familie. Ann Coulters Vater war erst FBI-Agent, dann ein Paragrafenreiter, der - darauf ist sie natürlich besonders stolz - scharf gegen Gewerkschaften vorging.

Die Feder sträubt sich, über den dritten Grund zu schreiben, warum zwischen Michael Moore und Ann Coulter ein himmelweiter (nicht nur politischer) Unterschied besteht. Es ist nämlich so: Hin und wieder hat diese Rechte leider furchtbar recht. Der größte Themenkomplex, auf den dies zutrifft, ist die Blindheit für die Verbrechen des Kommunismus. Es stimmt nun einmal, dass die Linksliberalen im Amerika der Dreißigerjahre beinahe geschlossen den Genossen Stalin anhimmelten; dass Franklin Delano Roosevelt ausgerechnet 1933 diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion aufnahm, als jener Genosse sich gerade eben anschickte, die Ukraine in ein riesiges Hunger-KZ zu verwandeln; dass Roosevelts Vizepräsident Henry Wallace sich 1944 von den Herren des Gulag ins Lager von Kolyma einladen ließ und dort eine tränenselige Rede hielt, in der es hieß, nur Feinde des Friedens könnten die sowjetische Aufbauarbeit verleumden. Wahr ist ferner auch, dass Joe McCarthy kein Hexenjäger war. Hexen gibt es bekanntlich nicht, Kommunisten dagegen schon; und seit der Veröffentlichung der Venona-Telegramme wissen wir, wie viele sowjetische Spione in höchsten Stellungen sowohl unter Roosevelt als auch unter Truman arbeiteten. Ahistorische Argumentation. Gestrichen.

Was nun die Sache mit der Evolution betrifft, halten wir fest: Unzweifelhaft hat der Mensch mit dem Schimpansen 96 Prozent seiner Gene gemeinsam. Aber ist es nicht so, dass sich das Mysterium des Menschseins just in jenen vier Prozent verbirgt, die Homo sapiens vom Tierreich unterscheiden? Ist der Mensch wirklich nur ein “nackter Affe”, nichts weiter? Und falls ja: Wie kommt es dann, dass für ihn die Gesetze der Evolution so offenkundig nicht gelten (ein Yanomani-Indianer ist jederzeit imstande, die Aufgaben eines Wall-Street-Bankers wahrzunehmen, während jener ohne Probleme mit Pfeil und Bogen auf die Jagd gehen kann)? Warum spricht der Mensch und erzählt Geschichten, warum kann er als einziges Tier schuldig werden, warum begräbt er seine Toten? Ann Coulters Antwort mag absurd sein, aber man soll nicht so tun, als gäbe es jenseits der Evolutionstheorie überhaupt keine Fragen mehr. Solcherlei Gedanken machen Sie sich bitte vor dem Schlafengehn: Irrelevant.

Bliebe noch jene auf den ersten Blick unverzeihliche Äußerung nach dem 11. September: Tötet ihre Führer, besetzt ihre Länder. Verteidiger der blonden Giftschleuder haben darauf hingewiesen, sie sei damals gerade ein wenig aufgeregt gewesen (eine ihrer Freundinnen war bei dem Terrorangriff umgekommen). Interessanter wäre der Verweis darauf gewesen, was Coulter damals ausdrücklich nicht gesagt hat, nämlich: Gebt den säkularen Diktatoren im Nahen Osten Waffen und jede logistische Unterstützung, damit sie möglichst viele wütende junge Männer töten. (Just dies war die offizielle Politik der EU, nachdem 1991 in Algerien islamische Fundamentalisten die ersten freien Wahlen in der Geschichte dieses Landes gewonnen hatten. Europa unterstützte die algerischen Putschgeneräle durch dick und dünn und jede Menschenrechtsverletzung: 150 000 Tote.) Was Coulter NICHT gesagt hat, ist nicht interessant. Ann Coulters Kommentar erweist sich auf den zweiten Blick geradezu als Gipfel der Harmlosigkeit ihrer durch und durch reaktionären Geisteshaltung. Die Führer der arabischen Welt umbringen? Dies würde im Nahen Osten wahrscheinlich donnernden Applaus auslösen, da es sich ja um mehr oder weniger unpopuläre Gewaltherrscher handele. Was den anderen frommen Programmpunkt betrifft, die Bekehrung zum Christentum, so ist er nicht durch übergroßen Realismus gekennzeichnet; da aber Ann Coulter selbst Christin ist, läuft auch er darauf hinaus, dass sie den Arabern etwas Gutes tun möchte. Sie wünscht ihnen noch nicht einmal, dass sie zur Strafe für den 11. September kollektiv unter Schweißfüßen leiden sollen; stattdessen wünscht sie ihnen die Erlösung an den Hals.

Überhaupt ist dies das Geheimnis hinter Ann Coulters Äußerungen - ihre umfassende Harm- und gelegentlich auch Ahnungslosigkeit. Diese Frau, die sich selbst gern Polemikerin nennt, ist überhaupt nicht zynisch. Niemals etwa liest man bei ihr, was die meisten Europäer ganz selbstverständlich von sich geben: dass Freiheit zu anderen Kulturkreisen ganz einfach nicht passt. Nie liest man bei ihr, dieser oder jener Diktator sei gar nicht so übel, weil er den tiefen inneren Bedürfnissen seines Volkes entspricht. Nie hat sie Putin einen “lupenreinen Demokraten” genannt, nie von der geistreichen Konversation geschwärmt, die Mao Tse-tung mit ausländischen Staatsgästen pflegte. Man findet in ihren Kolumnen noch nicht einmal einen blassen Schimmer davon, dass es gelegentlich zum Geschäft der Politik gehören könnte, Freundschaften mit Bestien zu pflegen. Ihr Furor wirkt als Schutzschirm gegen moralische Ambivalenzen, er ist vollkommen idealistisch. Leute, die sie näher kennen, bescheinigen ihr übrigens, dass sie ein sanfter, lieber Mensch sein soll. Welch schockierende Enthüllung! Irrelevant.

Damit wären wir bei Ann Coulters Privatleben angelangt. Keiner ihrer Gegner - also eigentlich: niemand, der über sie schreibt - hat versäumt zu erwähnen, dass diese Parade-Konservative keine Familie hat. Anzahl der Ehemänner: null, der Kinder - so weit bekannt - ebenfalls. Stattdessen gab es längere und kürzere (meist kürzere) Affären. Die jüngste (und kürzeste) dieser Affären pflegte Madame mit Andrew Stein, einem typischen New Yorker und jüdischen Linksliberalen, aus Coulters Sicht also einem noch nicht ganz perfekten Christen und Landesverräter. Diese Liebesbeziehung hielt immerhin zwei geschlagene Monate, ehe sie wegen “unüberbrückbarer Unterschiede” zerbrach. Interessiert kein Schwein.

Fügen wir jetzt noch hinzu, dass Ann Coulter bekennender Fan der Rockband The Greatful Dead ist, dann wird endgültig klar, was für ein merkwürdiges Land Amerika ist. Ein Land, in dem eine konservative Frau sexy sein kann, knallharte Rockmusik hört und sich zwischendurch beim Knutschen mit dem Klassenfeind erwischen lässt. Dito.

Am Ende bleibt nicht viel übrig von der Lobhudelei. Hoffentlich wird Herr Stein nach Zeilen bezahlt.

2 comments

  1. Stand der Absatz mit der Evolutionstheorie so da drin? Da muss ich fast daran zweifeln, dass Hannes Stein je Biologieunterricht hatte.

    Naja, für wen Waffen ‘Bleibeförderungsmaschinen’ sind, für den ist Evolution wahrscheinlich zu primitiv.


  2. Ich glaube diese Kolumne hat der Stein ohne jeden Sinn und Verstand geschrieben. Wie üblich.


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