Statt mitzuhelfen, dem braunen Treiben rechtzeitig ein Ende zu setzen, scheinen sich die Liberalen gerne so lange hinter einem obskuren Freiheits- und/oder Toleranzbegriff zu verstecken, bis ihnen nicht anderes mehr bleibt, als nach rechts umzufallen. Die 75 Jahre alte Geschichte lehrt:
Die letzten fünf Abgeordneten stimmen für Hitlers Ermächtigungsgesetz
Der völlige Niedergang der DDP ist indessen nicht mehr aufzuhalten. Bei den beiden Reichstagswahlen des Jahres 1932 sackt der Stimmenanteil der “Deutschen Staatspartei” auf jeweils 1 Prozent ab. Bei den letzten noch halbwegs freien Wahlen im März 1933 sind es 0,9 Prozent.
Im Unterschied zur DDP halten sich bei den beiden anderen Parteien der “Weimarer Koalition” die Verluste in Grenzen. Besonders stabil ist das Zentrum, das von den Reichstagswahlen 1928 bis zur letzten Wahl vor Hitlers Machtergreifung nur unwesentlich von 12,1 auf 11,9 Prozent abfällt. Die SPD verschlechtert sich dagegen sukzessive von 29,8 auf 20,4 Prozent, wobei diese Verluste größtenteils mit dem Zuwachs der KPD von 10,6 auf 16,9 Prozent zu erklären sein dürften. Offensichtlich sind die Wähler von Zentrum und SPD stärker in ein ideologisch-soziales Milieu eingebunden, das sie davor bewahrt, den Marsch nach rechts mitzumachen.
Umgekehrt legt der Kollaps des Liberalismus die Vermutung nahe, daß die Wähler der DDP einem ähnlichen ideologisch-sozialen Milieu entstammen wie die weiter rechts von ihr angesiedelten bürgerlichen Parteien. Der Aufstieg der NSDAP korrespondiert eindeutig mit der Auszehrung von DDP, DVP und Deutschnationalen sowie speziellen Interessenvertretungen des Mittelstandes und der Landwirte. Angesichts der Festigkeit des katholischen Zentrums und der relativen Festigkeit der Arbeiterparteien könnte man dieses dritte Milieu, in dem die Umschichtung zur NSDAP hauptsächlich stattfindet, als “bürgerlich-protestantisch” charakterisieren. - Wobei der Begriff “protestantisch” keineswegs nur im Sinne von Konfessionszugehörigkeit zu verstehen ist, sondern vielmehr in besonderen Maße auf Zerfallsprodukte des Protestantismus abhebt, wie sie die deutsch-völkische Ideologie, der Antisemitismus oder Friedrich Naumanns “nationalsoziale” Bewegung darstellen.
Das Ende der DDP ist kein Ruhmesblatt für den deutschen Liberalismus. Die letzten fünf Abgeordneten der “Deutschen Staatspartei” stimmen 1933 im Reichstag für Hitlers Ermächtigungsgesetz (darunter die späteren FDP-Politiker Theodor Heuss und Reinhold Maier sowie der spätere CDU-Politiker Ernst Lemmer). Als sich die Partei am 28. Juni 1933 freiwillig auflöst, geschieht dies unter rhetorischen Verbeugungen vor der neuen “Volksgemeinschaft”. [Hervorhebung d. Verf.]
Das Gros der ehemaligen DDP-Politiker arrangiert sich mit dem NS-Staat
Linksliberale wie Ludwig Quidde und Hellmut von Gerlach flüchten 1933 vor den braunen Machthabern ins Ausland. Und sie tun sicher gut daran. Im übrigen brauchen aber ehemalige Mitglieder und Politiker der DDP - ausgenommen solche jüdischer Abstammung - nicht um Leib und Leben zu fürchten. Das Wüten der NS-Propaganda gegen den nunmehr überwundenen “Liberalismus” ist keine persönliche Kampfansage. Es gilt in erster Linie einem ideologischen Popanz, der stark antisemitisch geprägt ist. Theodor Heuss darf mit Billigung des Propagandaministeriums sogar die Biographie seines Lehrmeisters Friedrich Naumann veröffentlichen.
Die spätere Widerstandsbewegung gegen Hitler besteht hauptsächlich aus Konservativen, Sozialdemokraten oder Kommunisten. Frühere Mitglieder der DDP spielen keine prominente Rolle. [...]
So wird verständlich, warum die Liberallalas dieser Tage mit Lust auf die Linke (nicht die Partei!) eindreschen, der es zu verdanken ist, dass der unsägliche, von Rechtspopulisten bis Rechtsradikalen getragene “Anti-Islamisierungs-Kongress” in Köln buchstäblich abgesoffen ist: [Die Pro-Köln-Bewegung ist] “Ausdruck einer bürgerlichen Wut über die Meinungsdiktatur feministisch-sozialistischer Multi-Kulti-Gutmenschen in den deutschen Medien, die sich nicht um die Bedenken und Probleme vieler anständiger Bürger scheren”. Noch blöder, dafür wesentlich kürzer, schafft’s nur der Hildegard-von-Bingen-Preisträger, der die Linke mal kurz mit einem schneidigen “SA” zu guillotinieren sucht. Aber der ist ja auch kein Liberaler.
Jetzt, im Nachgang der Kölner Ereignisse zugunsten der Rechtsradikalen der rechtsreaktionären Bedrohung einer gesamten Bevölkerungsgruppe Voltaire oder (noch schlimmer) Rosa Luxemburg im Munde zu führen, toppt jedoch jede sonstige Dreistigkeit und Geschichtsvergessenheit der liberallalalen Gesellschaft.